Nachruf auf Walter Scheel

In Erinnerung an unseren verstorbenen Bundespräsidenten a.D. Walter Scheel berichtet Ingrid Porbeck, stellvertretende Ortsvorsitzende der FDP Bad Reichenhall, an dieser Stelle über ihre Erinnerungen an Walter Scheel, der für sie mit ein Grund war, in die FDP einzutreten:

„In der Zeit von 1969 bis 1974 hatte ich mehrmals die Gelegenheit, Walter Scheel als Politiker zu begegnen. Im Wahlkampf 1969 besuchte ich als politisch interessierte Studentin einige Wahlkampfveranstaltungen verschiedener Parteien – zumeist in meiner Universitätsstadt Münster.

Dabei fiel mir der FDP-Vorsitzende Scheel besonders auf. Seine Argumente zur Ostpolik und seine scharfe Kritik an der damaligen Großen Koalition überzeugten mich. Ich gewann den Eindruck, dass Walter Scheel tatsächlich einen Machtwechsel wollte. Gegen starke Widerstände in der eigenen Partei setzte er seinen Plan nach der Wahl 1969 durch.

1972 fanden vorgezogene Bundestagswahlen statt. Im Wahlkampf erlebte ich Walter Scheel erneut. Auf einer Veranstaltung wurde er von Anhängern der Union hart attackiert. Scheel ließ sich nicht beirren, er legte seine Politik sachlich und eloquent dar, gewürzt mit feinem Humor, der seinen Gegnern den Wind aus den Segeln nahm.

Bis 1969 empfand ich die FDP als nationalliberale und wirtschaftsorientierte Partei. Jetzt aber hörte ich einen Liberalen, der zwar großen Wert auf die Wirtschaftspolitik legte, aber – und das war damals neu bei der FDP – die soziale Komponente der Marktwirtschaft deutlich hervorhob. Er wollte dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz verleihen bzw. bewahren. Die Freiburger Thesen, von Walter Scheel, Karl Hermann Flach, Ralf Dahrendorf und Anderen erarbeitet, wurden 1971 verabschiedet.

Soziale Kälte und Marktradikalismus waren nicht Scheels Sache. Später vernachlässigten Teile der FDP die wichtigen Freiburger Grundsätze leider, was meiner Meinung nach auch ein Grund für die Quittung war, die uns der Wähler 2013 servierte.

Ein entstaubter, international und sozial ausgerichteter Liberalismus und die Ostpolitik waren für mich die Hauptgründe 1973 in die FDP einzutreten. Sie bot mir eine Alternative zur teilweise nach links driftenden SPD und zur überwiegend kommunistisch ausgerichteten APO-Bewegung. Nach 20 Jahren Kanzlerzeit erschien mir die Union zu konservativ und selbstgefällig. Andere Parteien gab es damals noch nicht!

Walter Scheel war neben Hans Dietrich Genscher ein Vorbild für meine eigene politische Standortbestimmung in jungen Jahren  und für meine spätere Parteiarbeit.“

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Beide FDP-Wahlkampfbuttons bewahrt Ingrid Porbeck noch zu Hause auf (v.l.): Aus dem Wahlkampf 1969, aus dem „Willy (Brandt)-Wahlkampf“ 1972


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